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Der große Riss
Uri Avnery, 24.Februar 2017
ICH GLAUBE,
ich war der erste, der den Vorschlag machte, den Soldaten Elor Azaria,
den Killer von Hebron, zu begnadigen.
Aber dieser Vorschlag wurde von mir an mehrere
Forderungen geknüpft: erstens, dass der Soldat offen und ohne
Bedingung, sein Verbrechen eingesteht, dass er sich entschuldigt und
dass er zu vielen Jahren im Gefängnis verurteit wird.
Ohne diese Bedingungen, jeder Wunsch nach einer
Begnadigung des Soldaten würde eine Zustimmung zu seinem Handelns
sein und eine Einladung zu noch mehreren solcher Kriegsverbrechen.
Der Unteroffizier Azaria, ein Sanitäter in einer
Kampfeinheit, erschien auf der Bühne nachdem ein Anschlag im Zentrum
einer jüdischen Enklave in der alten Stadt Hebron begangen wurde.
Zwei junge Palästinenser hatten einen Armee-Kontrollpunkt mit
Messern angegriffen und wurden erschossen. Wir wissen nicht wie der
eine starb, aber der zweite wurde von einer Kamera gefilmt, die den
Einheimischen von der wunderbaren israelischen
Anti-Besatzungsorganisation B‘Zelem gegeben wurde.
Die Kamera zeigt, dass der Angeschossene schwer
verletzt, bewegungslos auf dem Boden liegt und blutet. Dann, etwa
zwölf Minuten später, erschien Azaria, der vorher nicht anwesend
war, auf dem Bildschirm. Er steht weniger als ein Meter von dem
verletzten Araber, schießt ihm aus der Nähe in den Kopf, und
verursacht seinen Tod.
Das israelische
Fernsehen machte das photographische Material sofort bekannt (eine
Tatsache, die nicht vergessen werden darf) und ließ der Armee keine
Wahl. In einer zivilisierten Armee ist es ein Verbrechen, einen
hilflosen Feind zu töten. Azaria wurde des Totschlags - nicht des
Mordes -
angeklagt.
Im ganzen politisch rechten Flügel wurde er
sofort ein Nationalheld. Die Politiker, einschließlich Benjamin
Netanjahu und der gegenwärtige Verteidigungsminister Avigdor
Lieberman, eilten, ihn zu verteidigen.
Azaria wurde für schuldig erklärt. In einem
scharfen Urteil, stellte das Militärgericht fest, dass seine
Zeugenaussage nur aus Lügen bestand.
Das Urteil verursachte einen Sturm des Protestes
vom ganzen rechten Flügel. Das Gericht wurde verflucht und wurde der
wirkliche Angeklagte. Diesem Sturm ausgeliefert, knickte das Gericht
ein und verurteilte Azaria diese Woche zu einer lächerlichen
Gefängnisstrafe von 18 Monaten, die übliche Strafe für einen
arabischen jugendlichen Steinewerfer, der niemanden getroffen hat.
Azaria hat sich nicht entschuldigt. Weit davon
entfernt.
Stattdessen standen seine Familie und seine
Bewunderer im Gerichtsaal auf und sangen die Nationalhymne.
DIESE GERICHTSHOF-Szene
wurde das Bild des Tages. Es war klar eine Demonstration gegen den
Gerichtshof, gegen das Oberkommando der israelischen Armee und gegen
die ganze demokratische Struktur des Staates.
Aber für mich war es noch viel, viel mehr.
Es war die Erklärung der Unabhängigkeit eines
anderen israelischen Volkes. Es war das Auseinanderbrechen der
israelischen Gesellschaft in zwei Teile. Die Spannungen zwischen
ihnen sind von Jahr zu Jahr immer akuter geworden.
Die zwei Teile haben immer weniger gemein. Sie
nehmen ganz verschiedene Haltungen gegenüber dem Staat ein, seine
moralischen Grundlagen, seine Ideologie, seine Struktur. Aber bis
jetzt wurde es akzeptiert, dass wenigstens eine fast heilige
Institution über der Auseinandersetzung stand, und jenseits jeder
Kontraverse: die israelische Armee.
Die Azaria-Affäre demonstriert, dass dieses
letzte Symbol der Einheit jetzt grbrochen ist.
WER SIND
diese Lager? Was ist das tiefste Element dieser Teilung?
Es gibt keine andere Erklärung: es ist der
ethnische Faktor.
Jeder versucht dieser Tatsache auszuweichen.
Berge von Euphemismus sind schon errichtet worden, um ihn zu
verstecken. Jeder ist ängstlich, ja sogar erschrocken vor den
Konsequenzen. Heuchelei ist ein wesentlicher
Verteidigungsmechanismus.
Da gibt es jetzt zwei jüdisch-israelische Völker.
Sie verachten einander intensiv.
Das eine wird Aschkenazim genannt, ein Abkömmling
des alten hebräischen Ausdrucks für Deutschland. Es umfasst alle
Israelis mit europäischer und amerikanischer Herkunft, die noch an
den alten westlichen Werten festhalten oder so tun als ob.
Die andern sind die Mizrahim (die „östlichen“).
Sie sind gewohnt irrtümlicherweise Sepharadim („Spanier“) genannt zu
werden, aber nur eine kleine Fraktion von ihnen sind tatsächlich die
Abkommen der aus Spanien vor etwa 700 Jahren vertriebenen Juden. Die
große Mehrheit der Vertriebenen wählte die muslimischen Länder,
statt Europa.
Die Mizrahim-Gemeinde umfasst all die Israelis,
deren Familien aus Ländern kommen, die sich zwischen Marokko und
dem Iran erstrecken.
Historisch wurden Juden in Europa oft misshandelt
und selten in islamischen Ländern. Aber die Ashkenazim sind stolz
auf ihr europäisches Erbe (obwohl sie sich tatsächlich immer mehr
davon entfremden), während es für die Mizrahim keine schlimmere
Beleidigung gibt, als mit den Arabern verglichen zu werden.
Wie ist es zu dem Abgrund gekommen? Die
zionistische Bewegung wurde hauptsächlich von den Ashkenazim
geschaffen, die vor dem Holocaust die überwiegende Mehrheit der
Juden in der Welt waren. Natürlich waren sie auch die Haupt-Schöpfer
der neuen zionistischen Gemeinschaft in Palästina, obwohl es auch
herausragende Mizrahim- Persönlichkeiten gibt.
Der tiefe Gegensatz begann schon gleich nach den
Krieg von 1948. Wie ich schon oft erwähnt habe, war ich einer der
ersten, die das voraussahen. Als ich ein Führer einer Gruppe im
Krieg war, befehligte ich Freiwillige aus Marokko und anderen
Mittelmeerländern. (die übrigens mein Leben retteten, als ich schwer
verwundet war). Ich wurde Zeuge des Beginns des Risses und warnte
das Land in einer Reihe von Artikeln, die im Jahre 1949 begannen.
Wer war daran schuld? Beide Seiten. Aber die
Ashkenazim kontrollierten alle Aspekte des Lebens, ihr Teil der
Schuld ist sicher viel größer.
Da sie von zwei großen aber verschiedenen
Zivilisationen kamen, war es vielleicht unvermeidbar für die beiden
Gemeinden sich bei so vielen Aspekten des Lebens zu unterscheiden.
Aber in der damaligen Zeit war jeder von der zionistischen Welt der
Mythen verwirrt und nichts wurde gemacht, um dieses Disaster zu
vermeiden.
Heutzutage sehen sich die Mizrahim selbst als
„das Volk“, die wirklichen (jüdischen) Israelis, die die Ashkenazim
als die „Elite“ verachten. Sie glauben auch, dass sie die große
Mehrheit sind.
Dies ist ziemlich falsch. Es ist mehr oder
weniger ein Graben zwischen zwei gleichen Gemeinden, während die
russischen Einwanderer, die ultra-orthodoxen Juden und die
arabischen Bürger getrennte Einheiten bilden.
Ein verblüffendes Thema betrifft die Mischehe. Da
gibt es eine Menge und einmal glaubte ich, dass sie automatisch
den Riss heilen würden. Doch das geschah nicht. Eher schließt sich
jedes Paar der einen oder der anderen Gemeinde an .
Die Linien sind nicht klar gezogen. Es gibt viele
Mizrahim - Professoren, Mediziner, Architekten und Künstler, die
sich den „Eliten“ angeschlossen haben und sich als ein Teil davon
fühlen. Viele Ashkenazim- Politiker (besonders im Likud) benehmen
sich so , als ob sie zum „Volk“ gehören, und hoffen bei Wahlen mehr
Stimmen zu bekommen.
Die Likud-Partei ( „Vereinigung“) ist schon ein
Phänomen. Die überwiegende Masse seiner Mitglieder und der Wähler
sind Mizrahim. Tatsächlich ist es die Mizrahim-Partei – par
Exellence. Aber beinahe all ihre Führer sind Ashkenazim. Netanjahu
benimmt sich als wäre er beides.
ZURÜCK ZU
Azaria. Öffentliche Meinungsumfragen sagen uns, dass für die große
Mehrheit der Mizrahim das Töten eines tödlich verwundeten
„Terroristen“ richtig sei. Nach dem Singen im Gericht küsste sein
Vater ihn und rief aus: „Du bist ein Held!“ für viele Ashkenazim
aber war es ein jämmerlicher Akt von Feigheit.
Ein Opfer der Affäre ist der Stabschef Gadi
Eisenkot. Bis vor kurzem war er die populärste Person im Land. Jetzt
wird er von den Mizrahim als ein verachtenswerter Diener der
Ashkenazi „Elite“ angeklagt, verurteilt oder verflucht. Doch trotz
seines so deutsch klingenden Namen, ist er marokkanischer
Abstammung.
Er schuf die Armee nicht so, wie sie ist. Er
übernahm sie so.
Seit mehr als 40 Jahren hat die Armee keinen
wirklichen Krieg geführt und gegen ein wirkliches Militär gekämpft.
Es ist zu einer kolonialen Polizeitruppe verkommen, zu einem
Instrument eines Systems der Unterdrückung eines anderen Volkes. Im
Laufe dieser Pflicht werden täglich viele Akte von Brutalität
begangen.
Erst vorkurzem wurde ein unschuldiger arabischer
Lehrer, ein Beduine aus Israel, durch Zufall in einen Vorfall
verwickelt, als die Polizei mit der lokalen Bevölkerung
zusammenstieß. Sie schossen auf den Lehrer in der irrigen Annahme,
dass er dabei war, sie zu überfahren.
Der Mann war schwer verletzt und blutete – und
rund um ihn die Polizisten. Die Ambulanz wurde nicht gerufen. Er
blutete langsam zu Tode. Es dauerte 20 Minuten.
Nur ein Soldat mit höchster menschlicher
Qualität, der in einer gesunden menschlichen Familie aufwuchs, kann
diesem brutalen Effekt wider-stehen. Zum Glück gibt es davon viele.
ICH GLAUBE,
dass dort die Lösung liegt. Wir müssen die Besatzung mit allen
verfügbaren Mitteln los werden – je schneller, desto besser.
Jeder treue Freund Israels in aller Welt muss uns
dazu helfen.
Nur dann können wir uns unseren geistigen und
sozialen Ressourcen widmen, um den großen Riss zu flicken. Viele
von uns würden dies gerne sein.
Und die Nationalhymne mit klarem Bewusstsein
singen.
(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
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